Die Effekte von Inflation

Kantoo kritisiert europäische Ökonomen dafür, daß sie nicht die wichtige Rolle der Geldpolitik in der Krise berücksichtigen. Er schlägt NGDP-Targeting der EZB anstatt einer strikten Auslegung des Mandats zur Preisstabilität vor. Dies würde auf Basis von nominalen Rigiditäten den unproduktiven Schuldnerländern erleichtern, zurück in ein tragfähiges ökonomisches Gleichgewicht zu finden.

Daß NGDP-Targeting und damit einhergehende höhere Inflation diesen Ländern gemäß der reinen Makrolehre erleichtert, schnell in ein neues GG zu finden, ist unbestritten. Allerdings reduziert eine erhöhte Inflation wie auch asymmetrische (d.h. auf überschuldete Länder beschränkte) Bondkäufe der EZB die Anreize, sich hin zu einem neuen GG zu bewegen. Die Frage ist nun: Fährt ein Radfahrer an einem flacheren Berg mit der gleichen Anstrengung wie am steileren, wenn am flacheren Hang zugleich kleinere Anreize gegeben werden? Nur wenn der Radfahrer die Anstrengung weitgehend aufrecht erhält, wird sich die Erleichterung der Bedingungen in einem schnelleren Erreichen des Ziels und höherem Wohlstand niederschlagen.

Das Argument zugunsten von NGDP-Targeting und dadurch erhöhter Inflation wird auch dadurch nicht besser, daß während des Goldstandards eine durch höhere Goldförderung leicht inflationäre monetäre Entwicklung Ländern geholfen hat, im Goldstandard zu verbleiben. Denn entscheidend ist, daß diese inflationäre Tendenz im Goldstandard exogen war, d.h. von den Akteuren nicht beeinflußt werden konnte. Inflation war daher „Pech“ für die Gläubiger und „Glück“ für die Schuldner, hatte also im Gegensatz zu einer endogen herbeigeführten Inflation in einem Papiergeldsystem keine zerstörerische Kraft auf Anreize. Ein Ergebnis aktiv herbeizuführen ist eben doch etwas anderes als ihm als Systembewohner bloß beizuwohnen und es nicht zu verhindern!

Schließlich gilt es zu bedenken, daß durch die Zentralbank erhöhte Spielräume zu Inflation dort zu Inflation führen, wo der meiste Druck besteht. Schaut man sich die Preis- und Lohnentwicklungen der vergangenen Dekade an, so muß man feststellen, daß offensichtlich der Lohndruck auf Basis struktureller Gründe in den südeuropäischen Ländern selbst bei schlechterer Wettbewerbsfähigkeit größer ist, als in Deutschland – selbst 2010 war z.B. die Inflation in Griechenland deutlich größer als in Deutschland. Insofern spricht einiges dafür, daß ein durch die EZB erhöhter inflationärer Spielraum durch Südländer stärker genutzt würde als durch Deutschland. Inflation nutzt der Anpassung nicht wettbewerbsfähiger Schuldnerländer also weniger, als das Modell glauben macht, wenn diese Länder zugleich einen erhöhten Inflationsdruck haben. Ist der Inflationsdruck eines oder mehrerer nördlicher Länder sehr niedrig, so könnte sich das Anheben des Inflationsspielraumes sogar als hinderlich für die Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit herausstellen.

Außerdem scheint der Preisdruck auf Rohstoffe und die Gehälter hochqualifizierter Manager höher zu sein als jener auf die Löhne bürgerlicher bis minderqualifizierter Arbeit. Erhöhte inflationäre Spielräume können daher zu einem weiteren aufgehen der sozialen Schere führen. Führt dies zu einer Gefährdung der sozialen Stabilität, fallen erhöhte Kosten für innere Sicherheit und ggf. Effizienzverluste durch einen aus Stabilitätsgründen erzwungenen Ausbau des Sozialstaates oder anderer marktfremder Institutionen an.

Dies alles bedeutet nicht, daß man grundsätzlich gegen eine kurzfristig erhöhte Inflation oder die Bondkäufe der EZB sein müßte. Wohl aber ist das Argument für NGDP-Targeting viel weniger eindeutig, als manche Ökonomenmeinung glauben macht. Es hilft nur unter einer Reihe von Nebenbedingungen, die in einer an Keynes angelehnten Modellwelt nicht in Erscheinung treten, real jedoch als Variablen zu berücksichtigen sind. Natürlich trifft eine analoge Einschränkung auch auf Vorschläge von Ökonomen zu, die mit Anreizwirkungen argumentieren – die Nebenbedingungen der Aussagen werden nicht genannt! Schade übrigens, daß anscheinend weder das Lager der NGDP-Targeting-Befürworter noch jenes, das eine Zerstörung der Anreize befürchtet, mit einem einfachen Kompromißvorschlag aufkommt: NGDP-Targeting mit fest vereinbartem Ablaufdatum sowie der Option für die Geberländer, nach diesem Ablaufdatum die Währungsunion kontrolliert und ohne Widerspruchsmöglichkeit der (ehemaligen) Schuldnerländer zu verlassen. Dadurch wären nämlich die Anreizargumente hinfällig. Auch würde NGDP-Targeting nicht zum politischen Default, dessen Aufgabe erneute Kompensationen durch die Nordländer erforderte, was den Skeptikern, zu denen ich mich zähle, erleichtern sollte, jenes vorläufige NGDP-Targeting zu akzeptieren.

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