Die moderne VWL

…ist anscheinend nicht die VWL, wie ich sie Anfang des Jahrtausends an der Uni lernte. Während meiner Zeit als Lehrstuhlmitarbeiter dachte ich, es sei ein Trend, verstärkt psychische Faktoren zu beachten. Auch das scheint doch nicht so zu sein.

Jedenfalls wird bei Kantoos Economics die These vertreten, daß die Notenbank die Erwartungen der Menschen steuern kann. Doch auch wenn ich die Modelle und ihre Annahmen kenne, glaube ich nicht, daß normale Menschen sich so steuern lassen. Selbst bei mir , der ich Nachrichten über die Zinssätze aufmerksam verfolge und einiges an VWL mitbekam, ist die Konsumfreude weitgehend davon gesteuert, was ich im Betrieb davon mitbekomme, wie die Auftragslage ist und wie sicher mein Job. Beobachtung realer Menschen, wie die Psychologie sie betreibt, straft m.E. das unter Ökonomen verbreitete Gerücht, die Notenbank steuere Erwartungen, großenteils Lügen.

Natürlich, wenn man den folgenden Kernsatz bei Kantoo glaubt, dann sind die von der Notenbank gesteuerte Nominalebene und die reale Ebene tatsächlich ganz eng verkoppelt: „(…) die Erwartungen im Kleinen, die Aussichten auf zukünftige Nachfrage nach dem eigenen Produkt, sind im Aggregat die Erwartungen bezüglich der nominalen Wirtschaft und damit für die Konjunkturentwicklung von größter Wichtigkeit.“ Doch die Aggregation von der Präferenz der Einzelnen (Mikroverhalten) auf eine aggregierte Präferenz (Makroebene) funktioniert bereits unter Abstraktion der Geldebene nicht (vgl. Sonnenschein-Mantel-Debreu). Um wieviel gewagter ist es da, daran zu glauben, daß reale Mikroerwartungen sich in nominale Makroerwartungen umsetzen! Und welcher Mensch, der nicht in VWL-Modellen lebt, käme auch nur auf die Idee, diese These aufzustellen? Nein, die FAZ, die bei Kantoo kritisiert wird, hat schon recht: die Menschen vertrauen zu recht nicht darauf, daß die Notenbank Ewartungen und die Wirtschaft steuern könne oder gar das intellektuelle Potential hätte, die Steuerung qualitativ sinnvoll auszuführen. Viele interessieren sich nichteinmal für die Entscheidungen der Notenbanken und nehmen sie nicht wahr. Folglich gehen Notenbankentscheidungen auch in die Entscheidungen vieler nicht ein und entsprechend gering sind die vermeintlichen Effekte der Notenbank auf die Erwartungen der Menschen.  In der Wolle gewaschene Ökonomen werden mich für meine Meinung natürlich nagreifen – letztlich läßt sich wohl die Frage nach der erwartungssteuernden Kraft der Notenbank nicht durch Argumentation aus der Welt schaffen – eine Umfrage im Volk täte not, welche Faktoren wirtschaftliche Erwartungen wie stark beeinflußen. Eine nur äußerst oberflächliche Suche brachte keine Treffer…

Mit meiner Kritik will ich nicht sagen, daß nicht eine höhere Inflation durch ihre entschuldende Wirkung in einer Schuldenkrise positiv wirken könnte. Jene Länder, die die größten Schuldenprobleme haben, haben im Gegensatz zu den deutschsprachigen Ländern allerdings standardmäßig Kreditverträge mit nur kurzfristig gebundenen Zinssätzen, so daß Banken, die ja momentan nicht gerade vor Kapitalkraft strotzen, jederzeit den entschuldenden Effekt einer gemäßigten Inflation durch hohe Zinssätze zu Gunsten ihres eigenen Kapitalbedarfes vermindern oder gar zerstören können, während deutsche Schuldner über gehobene Inflation bei per Zinsbindung weiterhin niedrigen Zinsen tatsächlich und unausweichlich entschuldet werden, was deutsche Banken dann dadurch kompensieren müßen, daß sie Guthabenzinsen unter Inflationsnniveau halten und also Eigentümer enteignen. Durch eine gemäßigt höhere, aber konstante Inflation würde witzigerweise vorrangig Deutschland entschuldet! Die Entschuldung von Ländern mit variablen Zinssätzen folgt nicht notwendig, sondern ist von nicht zu beeinflußenden Entscheidungen der Banken darüber, ob sie die Schuldzinsen trotz Inflation niedrig halten und den entgangenen Gewinn durch mickrige Sparzinsen kompensieren, abhängig! Alleine eine ständig ansteigende Inflation hätte auch in Ländern mit einer Tradition variabler Zinssätze starke, unsausweichlich entschuldende Effekte. Was ich sagen will: Die Transmission von Inflation zu Entschuldung ist in Ländern ohne Zinsbindung nicht so zwinged gegeben wie in Deutschland und es kann sein, daß man dort für eine entschuldende Wirkung ein Inflationsniveau braucht, das im zinsgebundenen Deutschland bereits zu überbordenden sozialen Ungerechtigkeiten und Protest führt

Bei all dem geht man nach wie vor davon aus, daß die Notenbankpolitik effektiv im eigenen Gebiet wirkt und keine negativen externen Effekte außerhalb des eigenen Währungsraumes hat. Daran allerdings zweifelt die FAZ zurecht, wenn sie befürchtet, daß die aus Befürchtungen über die Stabilität der Währung genährte Kapitalflucht der Eurozonenbewohner in Länder wie Brasilien, Schweiz und Norwegen nur neuerliche Blasen aufwirft, nicht aber die gewünschten Effekte im eigenen Währungsgebiet hat. Wir hatten  ja die Story von der Bekämpfung mangelnden Wachstums durch die Währungspolitik seit 1987 in sich stetig erhöhender Frequenz und immer mit einer neuen Entwicklung, die von kritischen Zeitgenossen jeweils als die neue Blase angesehen wurde. In Anbetracht dieser Wiederholung der geldpolitischen Ereignisse ist die Erwartung, daß Geldpolitik einmal mehr zu keiner Erholung führt, die von den Menschen als solche wahrgenommen wird, mehr als berechtigt. Real ist es also so, daß man mit Geldpolitik Probleme verlagert, sei es in andere Länder oder in die Zukunft, aber nicht löst.

Schließlich muß man ganz heftige Einwände erheben, wenn später bei Kantoo behauptet wird, die FAZ schieße sich mit ihrer geldpolitikkritischen Haltung in den Fuß. Die Wirkung der Geldpolitik müsse nämlich so aussehen, daß „die Menschen a) in langfristige Güter investieren, weil die Inflation hoch und die Zinsen niedrig sind, und b) das Geld, was sie horten, im Ausland anlegen, damit das Ausland im Gegenzug Güter kauft und ausländische Güter wegen des Abwertens der Währung teurer werden.“ Man wünsche sich also die Dinge, die die FAZ verteufle. Daß man sich in Deutschland b) wünschen könne ist mir so neu wie kaum etwas. Aus der Sicht des Ausgleichs wirtschaftlicher Ungleichgewichte muß weniger Geld als Kapitalanlage ins Ausland abfließen und mehr zuhause ausgegeben werden. Da hohe Inflation in Deutschland stärkere Wirkungen entfalten wird als in den Schuldnerländern (vgl. o.), wird die deutsche Kapitalausfuhrneigung stärker zunehmen als die anderer Eurostaaten, ein Ausgleich der volkswirtschaftlichen Bilanzen ergibt sich also selbst dann nicht, wenn der Euroraum eine geschlossene Wirtschaftszone wäre. Dank der realen wirtschaftlichen Offenheit fließt bei erhöhter Inflation Kapital wahrscheinlich aus der Eurozone ab. Das bedeutet, daß kein Effekt auf die Ungleichgewichte im Euroraum resultiert. Stattdessen wird allein, per reduziertem Kapitalbestand die Arbeitsproduktivität reduziert, selbst wenn durch die Kapitalabfuhr der Währungskurs sinkt. Zwar schafft der gesunkene Währungskurs Arbeit, aber dank des gesunkenen Kapitalstammes ist es bei funktionierendem, alle in Arbeit bringendem Arbeitsmarkt Arbeit zu Magerlöhnen.

Sieg FAZ, aus meiner Sicht.

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